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Textilherstellung

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Vom Baumwollfaden bis zum fertigen T-Shirt - bei Trigema passiert alles unter einem Dach.

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Wolfgang Grupp - Der Märchenprinz



Aus: Financial Times Deutschland
Erschienen am 6. Februar 2006
Von Eva Busse

Seinen Textilhersteller Trigema führt Wolfgang Grupp nach eigenartigen Grundsätzen, mit veralteten Methoden " und
erstaunlichem Erfolg

Wolfgang Grupp kann nicht an den MaAzstäben gemessen werden, die auAzerhalb von Burladingen gelten. Burladingen hat andere
Regeln als der Rest der Welt. Wenn man so an das Phänomen herangeht, ist es wahrscheinlich am ehesten zu begreifen. Es
ist die einzige Möglichkeit, Grupp zu begegnen, ohne ihn entweder töricht zu verehren oder verächtlich auszulachen. Er
ist eine Kategorie für sich.

Regel Nummer eins: Wolfgang Grupp ist der "König von Burladingen". Ganz im Ernst: So wird er - bar jeder Ironie - von
den 13.000 Einwohnern dieses schmucklosen StraAzendorfs auf der Schwäbischen Alb genannt. Sein Reich gründet auf dem
Unternehmen Trigema, das ihm in Erbfolge zufiel.

GroAzvater Josef Mayer hatte die Firma "Mechanische Trikotwarenfabrik Gebr. Mayer KG" im Jahr 1919 gegründet, zu Beginn
des Textilbooms auf der Alb. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der gesamte Maschinenpark demontiert, es herrschte
akuter Arbeitermangel, Grupps Vater rettete die Firma mit Ach und Krach durch die Jahrzehnte. Er fluchte häufig,
erinnert sich Sohn Wolfgang in der ihm eigenen höfischen Sprache: "Vater sprach oft böse Worte."

Hohe Schulden als Startkapital

1969 übernahm er. Die Trikotwarenfabrik hatte mehr als 10 Mio. DM Schulden bei knapp 18 Mio. DM Umsatz. Grupp brach
seine Promotion ab, "um das T-Shirt zu machen": Er färbte die unverkäuflichen Unterhemden aus dem Lager ein und
verkaufte sie als neumodische, amerikanische Freizeithemden. Genauso flott wurde der Name der Firma verkürzt auf
"Trigema". Bis 1975 hatte Grupp alle Schulden abbezahlt und den Umsatz auf mehr als 50 Mio. DM gesteigert. Heute hat
Trigema eine Eigenkapitalquote von 100 Prozent und erwirtschaftet mit 1200 Angestellten einen Umsatz von gut 80 Mio.
Euro.

In besseren Zeiten gab es einmal 26 Textilhersteller in Burladingen. Heute gibt es nur noch einen. Die Firma eines
seiner Großonkel hat Grupp zum Parkplatz eingestampft, die des anderen durfte als Lagerhalle stehen bleiben. Manchmal
muss ein König demütigen, bevor ihm Demut gebührt.

König mit Kapelle und Pool

Und er muss ein Hofzeremoniell pflegen. Grupps schmächtige Statur ist stets in maAzgeschneidertes Tuch gehüllt, verziert
mit vielerlei goldenen Accessoires. Er lebt gegenüber der Firma in einem Anwesen mit Kapelle und Pool. Seine Villa ist
reetgedeckt wie auf Sylt, umgeben von einer weiAzen Hazienda-Mauer wie in Spanien. Auch für den guten Geschmack gelten in
Burladingen eigene Regeln. In der Einfahrt wartet der Chauffeur auf seinen Einsatz, in der Haustür der weiAzbehandschuhte
Butler.

Ob er "zum Müsli" einladen dürfe, hatte Grupp gefragt. Das pflege er mittags zu verzehren. In zahlreichen Schüsselchen
mit goldenen Löffelchen hat der Butler angerichtet: Hier ein paar Trockenpflaumen, dort ein paar Reispops. Grupp trinkt
Milch. Und gönnt sich zum Nachtisch eine Lord Extra.

Denn ein König muss auch faszinieren: Jetzt erzählt er seine Liebesgeschichte, deren glückliches Ende in der
prachtvollsten Hochzeit endete, die Burladingen je gesehen hat. Es war auf der Auerhahnjagd, als der damals schon 43
Jahre alte Wolfgang seine damals erst 19 Jahre junge Elisabeth zum ersten Mal sah.

"Ich wünschte mir immer, dass meine Braut nicht älter als Anfang 20 wäre." Er wünschte sich auch, dass sie nichts
anderes tat, als T-Shirts zu verkaufen. Das war seine "Bedingung". Also brach Baroness Elisabeth von Holleuffer ihr
Medizinstudium ab und arbeitet seitdem am Trigema-Schreibtisch, zehn Meter entfernt von dem ihres Gatten.

Regel Nummer zwei: Der König sorgt für seine Untertanen. Denn, so Grupp, der sich selbst freimütig als Patriarchen
bezeichnet: "Wer gewinnen will, darf das Pferd nicht peitschen, auf dem er sitzt." Mit der Fürsorge für seine
Burladinger weiAz er sich in guter Gesellschaft: "Auch ein Diktator braucht Mitarbeiter, die ihm den Karren ziehen."

Die 1200 Angestellten von Trigema kommen alle von der Alb. Sein Vater hatte den Fehler gemacht, "teure Studierte aus der
GroAzstadt" anzuwerben. Grupp sagt: "Wer von auAzerhalb kommt und hiesigen Lohn akzeptiert, ist eine Flasche. Der hat
woanders nichts gefunden." 80 Prozent des Führungspersonals haben bei Trigema als Lehrlinge angefangen. Oft in der
zweiten oder dritten Generation: Denn Grupp garantiert jedem Kind eines jeden Angestellten eine Ausbildungs- oder
Arbeitsstelle. Und er hat noch nie eine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen.

Wer dennoch auf der Strecke bleibt, kann sich an die "Wolfgang und Elisabeth Grupp Stiftung" wenden, die in Not geratene
Mitarbeiter und Burladinger Bürgern unterstützt.

Die Belegschaft nennt Grupp seine "Betriebsfamilie". Dass die Angestellten genau wissen, welche Rolle ihnen in diesem
altmodischen Pakt zufällt, beweisen sie bei den riesigen Betriebsfesten: Dann stehen sie Spalier und jubeln, wenn die
Regentenfamilie in Abendgarderobe ins Festzelt einzieht.

Regel Nummer drei: Die Globalisierung findet anderswo statt. Nicht in Burladingen. Grupp produziert vom Garn bis zum
Fertigprodukt ausschlieAzlich auf der Schwäbischen Alb. Unternehmer, die in Niedriglohnländer ausweichen - also praktisch
alle anderen - beschimpft er oft, laut und gern auch im Fernsehen. "Wer aus Lohngründen Arbeitsplätze ins Ausland
verlagert, hat als Unternehmer versagt."

Das Paradies heiAzt Burladingen

Nicht nur "dem Vaterland" sei er es schuldig, Beschäftigung in Deutschland zu bewahren. Auch dem Gedeih der Firma: "Ich
kenne keinen Einzigen, dem es besser geht, seit er im Ausland produziert. Im Gegenteil!" Dann rattert er Namen von
Konkurrenten herunter, die nach der Auslagerung Pleite gingen. Der wichtigste Grund, dem Trend standzuhalten, ist -
natürlich - Burladingen: "Was soll ich nach Rumänien ziehen? Ich habe hier mein Paradies." Es gebe patriotischere Wege,
sich gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost zu wehren: "Keine Massenware, Qualität, kurze Lieferzeiten."

Regel Nummer vier: Trigema wirtschaftet mit Methoden von gestern. VerstöAzt gegen das Einmaleins jedes
Unternehmensberaters. Und hat dabei Erfolg. "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mir von Frankfurt aus sagen
lasse, was ich hier tun und lassen soll!" Das Mantra der Berater - Kosten einsparen, Stellen streichen - findet er
absurd: "Wer Kosten abbaut, gibt doch zu, dass er mehr aufgebaut hat, als er wirklich braucht."

Dieser Versuchung sei er selbst in den fettesten Jahren nie erlegen: Grupps Verwaltung besteht aus nur 35 Leuten. Er
teilt sich mit ihnen ein einziges GroAzraumbüro. Ein Besprechungszimmer gibt es nicht, nur einen groAzen Tisch am Ende des
Büros. "Ich kann es mir nicht leisten, meine Zeit mit sinnfreien Sitzungen zu verplempern."

Per Hubschrauber in die Filiale

Anfang der 90er Jahre erfand er in einsamer Auflehnung gegen die Handelsketten seine "Trigema-Testgeschäfte". Er hatte
gerade ein Viertel seines Umsatzes mit einem Schlag verloren, weil er dem Preisdruck seines wichtigsten Kunden Aldi
nicht nachgeben wollte. "Viele haben sich die Hände gerieben und sich um den Auftrag gerissen", erzählt er verächtlich.
"Heute sind sie pleite." Grupp begann, seine Ware selbst zum Fabrikpreis zu verkaufen. Heute erwirtschaften die 44
Trigema-Filialen mehr als die Hälfte des Umsatzes. Der Chef fliegt gern per Hubschrauber ein und setzt sich an die
Kassen.

In Burladingen wird währenddessen rund um die Uhr produziert - auf Lager. Von Just-in-Time-Produktion hält Grupp nichts.
"Ich muss doch meine Näherinnen auslasten."

Auch seine Werbung lässt jeden Experten verzweifeln: Seit mehr als einem Jahrzehnt läuft im Fernsehen der Spot mit dem
sprechenden Schimpansen. Genauso billig sind die Trigema-Kataloge produziert: In Papas Trainingsanzügen zeigen die zwei
Grupp-Kinder grinsend ihre Zahnspange. Auf Glamour scheint der König auAzerhalb von Burladingen keinen Wert zu legen.

Regel Nummer fünf: Grupps Gewinn ist nicht zu beziffern. Der fast 64 Jahre alte Unternehmer gönnt sich die Freiheit,
seinen Erfolg nicht nur in Geld zu messen. So bezeichnet er als Zielvorgabe nicht die Steigerung des Umsatzes, sondern
den Erhalt von Arbeitsplätzen. Seine altgedienten Arbeiter entlohnt er ohne betriebswirtschaftliche Notwendigkeit über
Tarif: Dafür, dass sie ihn in den guten Jahren, als Mercedes mehr Gehalt bot, nicht im Stich gelassen haben.

Denn Grupp will nicht nur Geld, sondern Achtung. "Ich lebe hier, ich muss mit gutem Gewissen auf die StraAze gehen
können." In seinem eigenen Reich ist das kein Problem. AuAzerhalb der Ortsgrenze aber schüttelt man den Kopf über den
König von Burladingen und seinen eigenartigen Erfolg. Im Nachbarort Albstadt winkt der Wäschehersteller Dietmar Mey
irritiert ab, wenn er auf Grupp angesprochen wird. Und Harald Dallmann von der Fachhochschule Reutlingen erzählt, dass
viele Konkurrenten zu Hause bleiben, wenn Grupp zu einer Veranstaltung kommt. Auch Dallmann zuckt mit den Schultern:
"Der tickt einfach anders als alle anderen."


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