Die deutsche Masche
Aus: Focus
Erschienen am 29. August 2005
Von Martin Bommerheim, Fritz Schwab und Michael Franke
Statt auf chinesische Billigware setzt Trigema-Chef Grupp auf den Standort Deutschland.
Krise? Welche Krise? T-Shirt-Produzent Wolfgang Grupp gehört mit seiner Firma Trigema zu den wenigen Textilherstellern,
die über das Quoten-Gezerre für Einfuhren aus China nur lachen können. Während sich beim EU-Zoll 59 Millionen Pullover,
17 Millionen Hosen und 1,4 Millionen BHs aus dem Reich der Mitte auftürmen, stapeln sich bei dem Unternehmer von der
Schwäbischen Alb nur die Stoffballen für die eigene Produktion in Burladingen.
Nur in Deutschland"" produzieren 1200 Mitarbeiter bei Trigema, wie ein Werbespott propagiert. Zu den Kunden gehört der
Kegelverein, der ein Dutzend Polohemden mit Club-Emblem ordert, ebenso wie der Autokonzern DaimlerChrysler, der
individuell bestickte Betriebshemden bestellt. Grupp bedient sie alle innerhalb weniger Tage.
""Wir können hier in Deutschland hohe Flexibilität gepaart mit Qualität bieten"", erklärt Grupp den Standortvorteil.
Während die schwäbischen Textilkollegen von Hugo Boss nur noch ihre Musterkollektionen am Standort Metzingen fertigen,
verweist Alleineigentümer Grupp auf 78 Prozent Fertigungtiefe: stricken, färben, schneiden, konfektionieren "" alles made
by Trigema. ""Das funktioniert aber nur, weil ich alles im Blick habe"", sagt Grupp, der seinen Schreibtisch am Ende eines
GroAzraumbüros platziert hat. Freizeitjäger Grupp hat somit seine komplette Verwaltung im Visier. "" Einen Wasserkopf wie bei DaimlerChrysler in Möhringen gibt es bei mir nicht"", sagt der Unternehmer.
Mit seiner Heimat-Strategie entkommt der streitlustige Firmenchef auch der unsteten Politik von EU-Handelskommissar
Peter Mandelson, der in Brüssel geballten Zorn auf sich zieht. ""Diese Quoten führen nur zu höheren Preisen und weniger
Auswahl"", wettert der Chef des europäischen Verbraucherverbands BEUC, Jim Murray.
Das Ergebnis der Quote ist verheerend.
In den Häfen Rotterdam und Hamburg wachsen die Wäschestapel. Der Generalsekretär der europäischen Handelsorganisation
Foreign Trade Association, Jan Eggert, wirft Mendelson ein ""katastrophales Management"" vor. Importeure fluchen, weil
sogar Ware vom Zoll festgehalten werde, die sie Monate vor Inkrafttreten der Handelsbeschränkung bestellt und bezahlt
haben. Mendelson schickt inzwischen seine Beamten zur Flickschusterei nach Peking. Sie sollen erreichen, die
Einfuhrquoten fürs laufende Jahr zu Lasten der Kontingente für 2006 und 2007 zu erhöhen.
Während Heerscharen von Politikern, Beamten und Lobbyisten vergangene Woche verzweifelt nach Auswegen aus der
Quotenkrise suchten, nutzen Grupps Wettbewerber bereits Schlupflöcher im Weltweiten Wäschegeschäft. Der belgische
Dessoushersteller Van de Velde zum Beispiel lässt die BHs seiner auch in Deutschland bekannten Marke Marie Jo in China
produzieren. Der im August erlassene Einfuhrstopp für Büstenhalter aus dem Reich der Mitte trifft des belgische
Unternehmen mit voller Wucht. Finanzdirektor Luc Markey versucht nun mit einem Kniff, die Killerquote zu umgehen.
Er verschifft grob zugeschnittenes Rohmaterial aus Europa in eine chinesische Fabrik, wo preiswerte Stickerinnen den
Stoff zu Edel-BHs verfeinern. Von dem Verfahren, das die Branche ""passive Veredlung"" nennt, verspricht sich Van de Velde
trotz Quote ein sicheres Geschäft. Da das Rohmaterial aus Europa stammt, kann der Zoll die fertigen BHs bei der Einfuhr
aus China nicht einfach stoppen.
Wie die Belgier schöpfen zahlreiche Händler und Produzenten alle Möglichkeiten aus, bei ihren Textilien das
Ursprungsfeld China zu verschleiern, verraten Insider. Bei Pullover setzen die Firmen auf eine listige Strategie: Sie
lassen A„rmel sowie Vorder- und Rückenpartien weiter in China stricken. AnschlieAzend verfrachten sie die Einzelteile nach
Hongkong, wo sie sich in ganze Pullover verwandeln. Asber diesen Umweg mutiert ein überwiegend in China produzierter
Pulli zu einem Bekleidungsstück made in Hongkong mit einem entscheidenden Vorteil: Hongkong-Textilien bekämpft die EU
nicht mit Importquoten.
Der bekennende Patriot Grupp muss sich um solche Debatten nicht kümmern. Auch lange Lieferzeiten von mehreren Monaten,
wie sie Unternehmen mit asiatischer Produktion in Kauf nehmen müssen, kennt der Schwabe nicht. In den 45
Trigema-Geschäften ergründet er das Kaufverhalten der Kunden, um dann innerhalb von wenigen Tagen nachzuproduzieren. Der
Anteil der Trigema-Läden am 80-Millionen-Gesamtumsatz beträgt 52 Prozent.
Noch in den 80er-Jahren litten Trigema-Produkte unter dem Ruch des biederen Ramsches. Doch dann verabschiedete sich
Grupp vom Geschäft mit den Discountern. Der Jesuiten-schüler und studierte Betriebswirt hatte erkannt, dass ""ich den
Kampf gegen die immer billigere Konkurrenz verlieren werde"". Der Mann sollte Recht behalten. Die Region um den
Hohenzollern südlich von Tübingen "" Trikot-Valley genannt "" galt als Zentrum deutscher Textilproduktion. Verfallene
Fabrikhallen belegen den Untergang des Industriezweigs. ""Alle meine deutschen Mitbewerber, die an Aldi geliefert haben,
sind heute tot"". Erzählt Grupp, der vor 20 Jahren aus dem Immer-billiger-Hamsterrad ausgestiegen ist und heute in punkto
Qualität seine Polos und Trainingsanzüge in einem Atemzug mit Bogner, Boss und anderen Edellabels nennt.
Ohne Zugeständnisse der Belegschaft geht es aber auch bei Trigema nicht. Seit Januar 2005 arbeiten die Beschäftigten
mindestens 40 statt 37 Stunden pro Woche "" ohne Lohnausgleich. ""Alle ohne Ausnahme haben das unterschrieben"", freut sich
Grupp. Einziges Zugeständnis: zehn Prozent Rabatt für Trigema-Textilien.
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