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„Ein Lehrling ist billig“



Aus: DIE ZEIT
Erschienen am 18. September 2003
Von Marc Brost und Marie-Luise Hauch-Fleck

Während andere über zu hohe Kosten klagen, bildet er aus. Andere geiAzeln den Standort "" er produziert nur in
Deutschland. Ein ZEIT-Gespräch mit Trigema-Chef Wolfgang Grupp


Die Zeit: Herr Grupp, wie gut können Sie rechnen?

Wolfgang Grupp: Ich versuche so zu rechnen, dass ich mein Unternehmen Trigema stets erfolgreich führen kann.

Zeit: Offensichtlich rechnen Sie anders als viele Unternehmer in Deutschland. Die beklagen nämlich, dass es sich immer
weniger lohne, junge Menschen auszubilden. Sie haben bei 1200 Beschäftigten immerhin 40 Azubis. Wie kalkulieren Sie?

Grupp: Wenn ich gute Leute haben will, muss ich sie selber ausbilden. Nur dann kann ich später beurteilen, wer für eine
Führungsposition geeignet ist und wer nicht. Eine gute Ausbildung ist die Basis unserer Belegschaft. 80 Prozent der
leitenden Verwaltungsmitarbeiter von Trigema haben auch bei uns gelernt. Selbst aus Jugendlichen, die am Anfang
vielleicht noch etwas flatterhaft sind, können Sie durch Motivation und Lob Leistungsträger machen.

Zeit: Und das Kostenargument?

Grupp: Ein Lehrling, der richtig eingesetzt wird, ist eher billig. Bei uns ist ein Auszubildender im dritten Jahr in der
für ihn vorgesehenen Position, und er erfüllt dort 80 bis 90 Prozent seiner künftigen Aufgaben. Wenn ein Unternehmer
behauptet, das sei zu teuer, dann stimmt etwas in diesem Betrieb nicht.

Zeit: Nach den neuesten Zahlen suchen 113000 Bewerber einen Ausbildungsplatz. Brauchen wir eine Ausbildungsplatzabgabe,
um dieses Problem zu lösen?

Grupp: Die Unternehmen durch eine Abgabe zur Ausbildung zwingen zu wollen, halte ich für den falschen Weg. Man trägt den
Hund auch nicht zum Jagen. Besser wäre es, die Unternehmen zu motivieren, wieder vermehrt auszubilden "" und die
Unternehmer dazu zu bringen, dafür auch persönlich die Verantwortung zu übernehmen.

Zeit: Statt Strafabgaben also lieber Subventionen für Ausbildungsplätze?

Grupp: Nein, keine Subventionen. Aber wer hier produziert und Arbeitsplätze schafft "" und damit fast automatisch auch
Ausbildungsplätze "", sollte steuerlich anders behandelt werden als ein Unternehmen, das den Standort Deutschland nur
fürs Headquarter nutzt und ansonsten im Ausland produziert. Wenn ein Kunde nur bei mir kauft, weil er diese Ware gerade
im Ausland nicht bekommt, muss er doch auch andere Preise zahlen als jemand, der das ganze Jahr bei Trigema seine Ware
bestellt.

Zeit: Viele Unternehmen beklagen, dass sie zwar gern ausbilden würden, aber keine geeigneten Bewerber fänden, weil deren
Qualifikation zu schlecht sei. Kennen Sie das Problem?

Grupp: Nein. Ich habe bisher keinen Auszubildenden gehabt, der nicht willig war, etwas zu lernen. Es ist die Aufgabe
eines Unternehmens, die Bewerber entsprechend ihren Fähigkeiten an der richtigen Stelle einzusetzen. Wir kennen das aus
der Familie: Nur wer sich mit seinen Kindern befasst, erkennt auch ihre verschiedenen Fähigkeiten.

Zeit: Ein Auszubildender kann also bei Ihnen innerhalb des Unternehmens den Ausbildungsplatz wechseln, wenn sich
herausstellt, dass er für eine andere Ausbildung besser geeignet ist?

Grupp: Wenn ein Lehrling eine positive Einstellung hat, wird er nicht fortgeschickt. Dann suchen wir eine andere
Möglichkeit.

Zeit: Dass die Jugendlichen durch die Bank schlechter vorbereitet und motiviert sind, als sie es früher waren, gilt so
generell offenbar nicht?

Grupp: Nein. Dass die Jugendlichen heute wesentlich schlechter motiviert oder ausgebildet seien als früher, kann ich
nicht bestätigen. Das mag daran liegen, dass Trigema auf dem Land sitzt und nicht in einer GroAzstadt. Unsere
Jugendlichen haben sich immer angestrengt. Sicher gibt es Ausnahmen, und diesen Jugendlichen muss man klarmachen, dass
sie ihre Chance nicht vertun sollen.

Zeit: Auffällig an der Debatte über die Ausbildungsplatzmisere ist, dass die Arbeitgeber häufig die Schuld dafür anderen
geben: der Politik, der Schule, den Bewerbern "" bloAz nicht sich selbst. Vernachlässigen die Unternehmen ihre
gesellschaftliche Verantwortung?

Grupp: Lassen Sie es mich so sagen: Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist die Basis allen
Wirtschaftens. Dazu gehört auch, Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. Ich jedenfalls fühle mich persönlich
verpflichtet, die Arbeitsplätze in meinem Unternehmen zu sichern. Davon hängen ja nicht nur 1200 Mitarbeiter ab, sondern
auch deren Familien. Und wenn nun ein Mitarbeiter kommt und sagt, Herr Grupp, meine Tochter möchte bei Trigema eine
Ausbildung beginnen, dann habe ich auch eine moralische Verpflichtung gegenüber diesem Mitarbeiter, denn vor 20 Jahren
habe ich ihn womöglich gebeten, unbedingt bei mir zu arbeiten.

Zeit: Andere Unternehmen sagen, sie müssten Arbeitsplätze abbauen und ins Ausland verlagern, um wettbewerbsfähig zu
bleiben und wenigstens ein paar Jobs im Inland zu erhalten.

Grupp: Das mag ja für Branchen stimmen, die einen hohen Exportanteil haben. Bei Trigema aber macht der Inlandsabsatz
rund 95 Prozent aus. Und auAzerdem: Wenn ich hier Leute entlasse, kann ich wohl kaum erwarten, dass sie dann jene Waren
kaufen, die ich billig im Ausland produziere. Das passt nicht zusammen. Meine Aufgabe als Unternehmer ist es vielmehr,
solche Aufträge hereinzuholen, die der Qualifikation der Mitarbeiter und ihrem Lohnniveau entsprechen. Mit Massenware
geht das nicht. Die Schwierigkeiten der deutschen Textilindustrie sind doch entstanden, weil die Unternehmen im Boom
Kapazitäten aufgebaut haben, die in normalen Zeiten nicht ausgelastet waren. Dann haben diese Unternehmen versucht, mit
Massenware ihre Produktion auszulasten, und auf einmal waren sie nicht mehr wettbewerbsfähig.

Zeit: Sie produzieren ausschlieAzlich in Deutschland "" und schreiben Gewinne. Ist der Standort D besser als sein Ruf?

Grupp: Ja, aber es gibt für Unternehmer trotzdem auch noch viele Hemmnisse

Zeit: A?€¦etwa den Flächentarifvertrag?

Grupp: Ich bin nicht im Verband und könnte meine Mitarbeiter daher auch anders bezahlen, als der Tarifvertrag vorsieht.
Dennoch halte ich mich an den Tarif, sonst laufen mir die besten Mitarbeiter weg. Allerdings verstehe ich es, wenn der
Flächentarif zunehmend kritisiert wird. Heute ist es doch so, dass ein Unternehmen, das wegen eigener Fehlentscheidungen
in die Krise gerät, den Flächentarif unterlaufen kann, wogegen ein Unternehmen, das solide wirtschaftet, sich an den
Vertrag halten muss. Das ist nicht in Ordnung, und das mehrt den Unmut im Mittelstand.

Zeit: Was ärgert Sie sonst noch?
Grupp: Die hundertprozentige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall hätte nie abgeschlossen werden dürfen, da gibt es keine
Diskussion. Leistung und Nichtleistung können nicht gleich hoch bezahlt werden. Als die alte Bundesregierung 1998 die
Lohnfortzahlung auf 80 Prozent senkte, habe ich das sofort umgesetzt und meinen Mitarbeitern die Ersparnis als
auAzergewöhnliche Lohnerhöhung gegeben. Das waren damals 0,9 Prozent, bezogen aufs Vorjahr. Die Mitarbeiter waren
einstimmig dafür.

Zeit: Wie halten Sie es mit der Mitbestimmung?

Grupp: Wir haben selbstverständlich einen Betriebsrat. Wenn die Mitarbeiter zufrieden sind und eine gewisse Sicherheit
am Arbeitsplatz haben, dann gibt es auch gar nicht so viele Probleme.

Zeit: Gerade mittelständische Unternehmen beklagen, dass sie von den Banken kaum noch Kredite bekommen und deshalb in
Schieflage geraten. Trigema arbeitet ganz ohne Kredite, nur mit Eigenkapital "" eines Ihrer Erfolgsgeheimnisse?

Grupp: Das kann man so nicht sagen. Ich habe mir allerdings immer nur das gekauft, was ich mir leisten konnte. Und ich
habe in guten Zeiten vorgesorgt. Als Unternehmer gerät man schon ins Zweifeln, wenn die Banken einem Unternehmen wie
Flotex oder Schneider Milliarden hinterherschmeiAzen und die Vorstände dieser Banken dafür keinerlei Risiko tragen
müssen. Geht das Geschäft dann schief, bekommen die Bankvorstände weiter ihr Salär. Ausbaden müssen es die Unternehmer,
die noch Kredit haben oder Kredit wollen "" und nun viel mehr dafür zahlen sollen oder gar kein Geld mehr bekommen. Ein
Mittelständler haftet mit Haus und Hof für das, was er tut. Ein Bankvorstand nicht. Das ist nicht in Ordnung.

Zeit: Nicht in Ordnung sind nach Meinung vieler Deutscher die Millionengehälter der Manager. Verdienen auch Sie
Millionen?

Grupp: Mir gehört die Firma, und ich verzichte auf ein festes Gehalt. Dafür bekomme ich, was am Ende übrig bleibt, und
das kann entweder ein Millionenverlust sein oder eben ein Gewinn.

Zeit: Manager wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sehen die Kritik an ihren Millionengehältern als Ausdruck der
typisch deutschen Neidgesellschaft an. Zu Recht?

Grupp: Unsere Gesellschaft ist nicht neidisch. Die Menschen sind unzufrieden, weil hohe Gehälter an jene gezahlt wurden,
die Arbeitsplätze vernichtet haben. Ein Unternehmer, der sich einbringt und der Milliardenwerte schafft, soll Millionen
verdienen, da wird sich auch bestimmt niemand aufregen. Dass aber Leute Milliarden vernichten und dafür Millionen
bekommen, ist nicht begründbar. Wenn ein Manager wie Ex-Telekom-Chef Ron Sommer am Gewinn des Unternehmens beteiligt
wird, aber für den Verlust finanziell nicht geradestehen muss, ist das ein Missstand, der die Menschen zu Recht aufregt.

Zeit: Sie sind jetzt 61 Jahre alt, da ist der Ruhestand nicht mehr fern. Was unternehmen Sie, wenn Ihre Kinder die Firma
verkaufen wollen?

Grupp: Nichts. Ich versuche zwar, meinem Sohn und meiner Tochter vorzuleben, was es heiAzt, ein Unternehmer zu sein. Aber
wenn sie die Firma einmal nicht übernehmen wollen, werde ich mich nicht dagegen wehren.
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