Leidenschaftliches Plädoyer für den Standort Deutschland
Aus: Frankenpost
Erschienen: 27.03.2008
Selb – Der Mann ist ein Phänomen. Wenn Wolfgang Grupp spricht, geschieht das im Tempo einer Gewehrsalve. Seine
Rede gleicht einem Parforceritt. Sie enthält heftige Attacken gegen das Versagen von Managern und Politik und ist
zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für den Standort Deutschland und für die persönliche Haftung von Führungskräften
in Wirtschaftsunternehmen. Der Trigema-Chef war am Mittwochabend zu Gast beim 2. Lifestyle- und Unternehmerforum
Design im Selber Porzellanikon und beeindruckte die Zuhörer vor allem mit seinen Standpunkten in Fragen der
Unternehmensführung – ein Chef gegen den Strich.
Der Erfolg gibt ihm recht
Auch wenn seine Ansichten ungewöhnlich sind, gibt ihm der Erfolg doch recht: Als einziger seiner Branche – Trigema
produziert T-Shirts und Sportbekleidung – fertigt Grupp sämtliche Waren in Deutschland – und zwar vom Baumwollfaden
bis zum fertigen Kleidungsstück. Die Produkte werden im Handel und in 45 firmeneigenen Geschäften verkauft.
Der 66-jährige Chef, studierter Wirtschaftswissenschaftler, übernahm im Jahr 1969 in dritter Generation das
hochverschuldete Unternehmen von seinem Vater. Heute ist Trigema laut Grupp schuldenfrei und setzt auch in Zeiten
der Globalisierung einzig auf den Produktionsstandort Burladingen auf der Schwäbischen Alb, wo rund 1200 Mitarbeiter
beschäftigt sind. Zu Tariflöhnen. Bekannt wurde Grupp durch einen Werbespot mit einem Schimpansen vor der "Tagesschau".
Post wird ungeöffnet entsorgt
Seine Sekretärin habe er angewiesen, erzählt Grupp den staunenden Zuhörern in Selb, 40 Prozent der Firmenpost einfach
ungeöffnet wegzuschmeißen. "Und wenn was Wichtiges dabei ist?", habe die Frau gefragt. Grupps Antwort: "Dann
schicken die es sowieso noch mal." Seine Kunden erhielten prinzipiell keine Briefe, höchstens Rechnungen. "Kunden
wollen keine Briefe, sie wollen Ware", ist sich der 66-Jährige sicher. "Unsere Kunden bekommen auch keine
Auftragsbestätigungen. Wir bestätigen nicht. Wir liefern. Andere schicken Auftragsbestätigungen und liefern nicht."
Die Gäste quittieren seine Bemerkungen mit einem Schmunzeln.
Als Schwabe weiß Grupp, wo er sparen kann. So habe er etwa die Kalkulationsabteilung mit fünf Leuten komplett abgeschafft,
nachdem sich seine eigenen Leute nicht an die langwierig errechneten Preise gehalten hatten. "Heute legen wir
die Preise im Gespräch mit den Kunden fest." Große Kunden und große Aufträge betreue er prinzipiell persönlich.
Als Aldi einmal von ihm verlangt habe, für Aufträge auf seinen Markennamen Trigema zu verzichten, habe er abgelehnt –
"obwohl ich dadurch 25 Millionen verloren habe". Dennoch, sagt Grupp, "ist Aldi für mich als Unternehmen ein tolles
Vorbild".
Ganz im Gegensatz etwa zu den Managern im Daimler-Konzern, die "alleine durch Chrysler mindestens einmal das ganze
Unternehmen vernichtet haben und sich jetzt über zwei Milliarden aus Abu Dhabi freuen". Wenn man über den Standort
Deutschland diskutiere, müsse man sich fragen, "was bei uns eigentlich los ist". Größenwahn und Gier hätten auch in
der Vergangenheit Krisen heraufbeschworen. Er nennt die New Economy, Flowtex oder den Ex-Baulöwen Jürgen Schneider.
"Ich bin sicher, wir werden auch aus der jetzigen Krise nichts lernen", ruft der 66-Jährige, "wenn wir nicht die
persönliche Haftung für die Verursacher zurückbringen". Ob KfW, Hypo Real Estate, Lehman Brothers, überall seien
"verantwortungslose Leute" am Ruder gewesen. "Warum müssen gestandene Unternehmen wie Merckle oder Schaeffler aus
Größenwahn noch ein anderes Unternehmen aufkaufen? Da dürften auch die Banken keine Gelder geben – es sei denn,
die Vorstände säßen in persönlicher Haftung." Auch wenn Unternehmen wie Rosenthal in Insolvenz gingen, sei das
ein Verschulden des Managements, konstatiert Grupp.
Erste Pflicht im Heimatland
Für ihn als Unternehmer auf der schwäbischen Alb sei es wichtig, dass es auch seinen Mitarbeitern gut gehe. "Das ist
doch meine erste Pflicht als Unternehmer, die Aufgabe hier in meinem Heimatland." Das schwierigste heute sei, einen
Auftrag zu kriegen, aber dafür sei er als Chef zuständig. In den 40 Jahren seiner Tätigkeit im Unternehmen habe
er "noch niemanden wegen Arbeitsmangel entlassen".
Wenn Betriebsangehörige fragten, ob auch ihr Nachwuchs bei Trigema in die Lehre gehen könne, sei das für ihn "selbstverständlich,
dass ich die nehme". Dahinter stecke nicht etwa eine besonders soziale Ader – "ich bin kein Sozialsäusler" – sondern
die Erfahrung, dass bei Problemen der Lehrlinge die Eltern die ersten seien, die sich für die Fehler des Nachwuchses
schämten und für Abhilfe sorgten. "Bei Trigema sind 90 Prozent der Mitarbeiter selbst ausgebildet", sagt Grupp.
Ausbildung sei eine der wichtigsten Säulen des Firmenerfolgs. Auch ein Betriebsrat und Tariflöhne seien für ihn
selbstverständlich, "weil mir sonst die guten Leute weglaufen".
Im Stakkato rattert Wolfgang Grupp einige seiner Prinzipien herunter: "Die Sicherheit der Arbeitsplätze steht an erster
Stelle. Das Unternehmen muss so gestaltet sein, dass ich selbst den Überblick behalte. Entscheidungen werden sofort
getroffen, kleine Probleme sofort gelöst, bevor sie sich zu großen entwickeln. Keine Abhängigkeit von Banken,
Kunden oder Lieferanten." Ein Unternehmensberater kommt ihm nicht ins Haus und auch Wachstum gibt es bei Trigema
nur auf lange Sicht. "Mehrproduktion nur, wenn sie der Markt zusätzlich verkraften kann." Bevor der Querdenker das
Rednerpult verlässt und den Beifall des Publikums mit einem Lächeln entgegennimmt, sagt er noch: "Und wenn Trigema
irgendwann Probleme hat, kann es nur einen Schuldigen geben – und das bin ich."
